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Sie sind zu zweit von irgendeinem Hafen in Nordafrika aufgebrochen,
als blinde Passagiere versteckt im Laderaum eines Frachtschiffes.
Nach zwei Drittel der Reise hat man sie entdeckt und ins Meer geworfen.
Ein Fischerboot hat sie aus der Adria geholt. Keinerlei Hilfe an Bord.
Sie haben sie wie Ballast in einem Schlauchboot zweihundert Meter vor einem Strand in Apulien ausgesetzt.
Als sie an Land gebracht wurden, war es für einen der beiden zu spät.
Der andere hat dann erzählt.
Es war Anfang der 90er Jahre.
Ich habe nicht für sie geschrieben. Das könnte ich nicht.
Ich habe für mich geschrieben und für diejenigen, die wie ich auf dieser Seite des Meeres leben.
Gianmaria Testa

Gianmaria Testa
DA QUESTA PARTE DEL MARE
das neue Album

Produzioni Fuorivia
Le Chant du Monde / harmonia mundi

 

 

 

Drei Jahre nach Altre Latitudini erscheint am 20. Oktober 2006 das neueste Werk von Gianmaria Testa, Da questa parte del mare. Es ist eine Platte der Wende. Eine Wende in verschiedener Hinsicht.
Zuallererst was die Texte anbelangt. Denn es ist eine "altmodische" Platte, die entgegen der heutigen Tendenz ("einfach nur ein Lied") das Format des Konzeptalbums wiederbelebt, ein Album also, das sich voll und ganz einem Thema widmet, als wäre es in seiner Gesamtheit ein Roman und die Lieder Kapitel, die eine Geschichte erzählen.
Das Thema, der rote Faden, der alle Lieder verbindet und zusammenhält, ist das der modernen Migration. Eine poetische Reflexion, offen und ohne Demagogie, über die enormen Völkerbewegungen unserer Zeit. Über die harten Gründe des Aufbrechens, über die leidvolle Entscheidung, Wüsten und Meere zu durchqueren, über die Bedeutung von Worten wie "Land" oder "Heimat" und über das Gefühl der Entwurzelung und Verwirrung, das eine Ortsveränderung immer mit sich bringt. Auf jedwedem Breitengrad.
Das Album ist wie eine lange Ballade mit verschiedenen Tempi und verschiedenen Rhythmen, nicht nur musikalischer Art, konzepiert. Da ist zu Beginn der Strom, der Strom der Männer und Frauen "mit dem versunkenen Blick", ihre Schritte sind schwermütig, aber unaufhaltsam (Seminatori di grano). Es folgt der Abschied, das Meer, dem man sich stellen muß – wie es niemals jemand beschrieben hat –, das heimliche An-Bord-Gehen, die Schreie, das Gedränge (Rrock). Und nach dem Abschied taucht das fatale Bild der endgültigen Entwurzelung auf, des Identitätsverlustes, eines Abschieds vom Land, vom Zuhause, von den eigenen Dinge und sogar dem eigenen Namen (Forse qualcuno domani).
Die Reise ist lang, gefährlich. Es ist eine Reise zu einem unbekannten, nur vorgestellten Ziel, und auf dem Grund dieses dunklen Meeres gibt es nicht die wohlklingenden Sirenen aus den Märchen; die Stimmen, die aus dem Wasser kommen, sind die Klagen der Ertrunkenen, ein Trauerlied, das fast ein verkehrtes Schlaflied ist (Una barca scura). Schließlich kommt man hier, auf dieser Seite des Meeres an, das erträumte und idealisierte Ziel wird zur konkreten Wirklichkeit, mit der man Tag für Tag leben muß, wird zu einem Klumpen Schwierigkeiten. Und es gibt die Begegnung und Auseinandersetzung mit den anderen, die eben wir sind. Der nachts an Bord gekommene blinde Passagier wird bei Sturm zu dem, der "der roten Ampel die Hand gibt", wird zum Synonym für alle Plagen und Scherereien der Welt (Tela di ragno).
Die Zeit vergeht, aber die Reise, das Meer "das sich auf dich stürzt wie die Trift", kann man nicht vergessen, es ist etwas, das sich eingräbt, im Guten wie im Schlechten. Und so passiert es, daß man "an bestimmten Orten" schließlich "immer auf das Meer" schaut, und während man es anschaut, beginnt man sich zu erinnern. Es ist seltsam, aber normal, daß nicht nur die Anstrengung, die Schreie oder die Gewalt ins Gedächtnis zurückkehren, sondern vor allem eine kleine Flamme der Menschlichkeit, "zwei schwarze Augen voll Sand und Salz", die eine "Zuflucht beim kalten Wahn des Durchquerens" waren. Doch der "Zauber" endet mit der Ankunft, die auch der Anfang einer Trennung ist, und die dunklen Augen verlieren sich auf anderen Wegen (Il passo e l'incanto). 3/4 ist der Traum, wie alles hätte werden können, wenn es keine Trennung gegeben hätte, ein kleines, intensives Liebeslied, das von der Vergangenheit erzählt und Zärtlichkeit und Sehnsucht vermischt.
Aber es ist auch Platz für eine lustige Geschichte ganz normaler Menschlichkeit. Eine Geschichte, die in ihrer unleugbaren Tragik – eine unerwartete Geburt auf dem Markt an der Porta Palazzo in Turin – doch das Paradoxon eines Lachens und den Gedanken verbirgt, daß irgendeine Integration sicherlich möglich ist. Wenn nicht heute, dann morgen. Denn das Leben gewinnt immer, und das Leben ist stärker als alles andere (Al mercato di Porta Palazzo).
Es gab eine Zeit, in der die Emigranten wir waren. Ritals erzählt diese Geschichte und ist im Geiste dem vor einigen Jahren verstorbenen französischen Schriftsteller Jean-Claude Izzo gewidmet. Jean-Claude war ein Freund von Gianmaria und der "französische" Sohn eines Emigranten aus Salerno, ein "rital", wie die Franzosen in den 50er Jahren mit einer gewissen Verachtung die auf der Suche nach Arbeit nach Frankreich gekommenen Italiener nannten.
Miniera hingegen ist das, was man heute als Cover bezeichnet. Es ist nicht von Gianmaria, auch wenn er sich das Lied auf den Leib geschneidert hat. Geschrieben haben es Bixio und Cherubini in den 20er Jahren (1927, um genau zu sein), und es gibt mit seiner sehnsüchtigen und melancholischen Melodie trotz einer gewissen zeittypischen volkstümlichen Demagogie gut den Geist und das Gefühl eines "emigrierten Herzens", fern von Zuhause und den geliebten Menschen wider. Am Ende steht, fast wie eine nachträgliche Inschrift, die Erklärung des Gesichtspunktes: Dies ist eine Geschichte, die "von hier aus" erzählt wird, "von dieser Seite des Meeres" aus, von "einer kleinen Stadt aus, durch die keine Straßenbahnen fahren" (La nostra città).
Die angesprochene Wende ist aber auch und besonders musikalischer Natur, mit einer entschiedenen Rückkehr zur Liedform im engeren Sinn und einem Klang, der – obwohl er die italienische Melodie nicht vergißt – eindeutig "metropolitanischer" ist. Gianmaria findet auch dank der künstlerischen Leitung von Greg Cohen mit anderen Klängen und anderen Herangehensweisen zu dieser komplexen Schlichtheit der Struktur zurück, die die Grundlage für eines seiner erfolgreichsten Alben, Il valzer di un giorno, bildete.
Neben seinen Freunden und ständigen Weggefährten (großartig Gabriele Mirabassi, Paolo Fresu, Enzo Pietropaoli, Philippe Garcia, Piero Ponzo, Claudio Dadone, Luciano Biondini) sei an dieser Stelle besonders der amerikanische Gitarrist Bill Frisell erwähnt, der mit seiner unnachahmlichen Sensibilität den Geist einiger Lieder von Gianmaria (Rrock, Tela di ragno, 3/4, Ritals) musikalisch transportiert.

SEMINATORI DI GRANO (3’12’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Luciano Biondini – akkordeon
Gabriele Mirabassi – klarinette
Vittorio Piombo – violoncello
Piero Salvatori – violoncello
Sebastiano Severi – violoncello

RROCK (5’17’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli – kontrabaß
Philippe Garcia – schlagzeug, percussion
Bill Frisell – e-gitarre
Gabriele Mirabassi – klarinette


FORSE QUALCUNO DOMANI (3’47’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli – kontrabaß
Philippe Garcia – schlagzeug, percussion

UNA BARCA SCURA (4’31’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone - gitarre
Enzo Pietropaoli - kontrabaß
Luciano Biondini – akkordeon
Gabriele Mirabassi – klarinette

TELA DI RAGNO (5’18’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Greg Cohen – kontrabaß
Claudio Dadone - gitarre
Philippe Garcia – schlagzeug, percussion
Bill Frisell – e-gitarre
Paolo Fresu – trompete

IL PASSO E L’INCANTO (5’04’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli - kontrabaß
Philippe Garcia - percussion
Luciano Biondini - akkordeon
Paolo Fresu – trompete

3/4 (4’27’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli – kontrabaß
Philippe Garcia – percussion
Bill Frisell – e-gitarre

AL MERCATO DI PORTA PALAZZO (3’41)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli – kontrabaß
Philippe Garcia – schlagzeug, percussion
Gabriele Mirabassi – klarinette
Piero Ponzo – saxophon

RITALS (4’10’’)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Philippe Garcia – becken
Bill Frisell – e-gitarre
Vittorio Piombo – violoncello
Piero Salvatori – violoncello
Sebastiano Severi – violoncello

MINIERA (3’20”)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre
Claudio Dadone – gitarre
Enzo Pietropaoli – kontrabaß
Philippe Garcia – percussion

LA NOSTRA CITTA’ (1’44”)
Gianmaria Testa – stimme, gitarre


 

 

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